Haydn & Walter Jens · Die 7 letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze

Cover: Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze
EUR 22,00
CD
Joseph Haydn (1732-1809) & Walter Jens (1923-2013):
Die sieben letzten Worte
unseres Erlösers am Kreuze

Joseph Haydns "Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze"
in der Orchesterfassung mit zeitgenössischen Betrachtungen
von und mit Prof. Walter Jens (1923-2013)

Bayerische Kammerphilharmonie
Dirigent: Alan Buribayev

Ausführliches Booklet mit allen gesprochenen Texten
in deutsch und englisch.

Ein Konzertmitschnitt aus der Kirche des
UNESCO-Weltkulturerbes Kloster Maulbronn vom 10. Juni 2004

CD · DDD · ca. 70 Minuten

Hörproben

Art Movie(s)


Werk(e) & Aufführung

M

editieren, sinnen - sich besinnen, gewinnt gerade in unserer schnellebigen Gesellschaft zunehmend an Bedeutung. Zumeist verbindet man mit dem Wort Meditation sphärische Entspannungsmusik mit entsprechenden gedanklichen Anregungen zur Selbstfindung. Doch was geschieht wenn im authentischen Raum „Klosterkirche Maulbronn" Haydns großes Orchesterwerk, geschaffen zur Besinnung auf die „Sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze" erklingt? Wenn im Rahmen der Aufführung jene Worte die Basis zur zeitgenössischen Auseinandersetzung durch einen der großen Rhetoriker unserer Zeit bilden? Dann erfährt „Meditation" eine andere Bedeutung - ganz im Sinne der Komposition und des ursprünglichen Anlasses. Denn im Jahre 1785 erhielt Joseph Haydn von einem Domherrn in Cadiz den Auftrag, für die Karwoche eine Art geistlicher Instrumentalmusik zu schreiben, in der die „Sieben letzten Worte des Herrn" Ausdeutung erfahren sollten. Der Komponist sagte zu und schuf „Sieben Sonaten mit einer Einleitung und am Schluß ein Erdbeben" für großes Orchester, die dann wahrscheinlich am Karfreitag des Jahres 1786 in der unterirdischen Kirche Santa Cueva aufgeführt wurden. Haydn beschrieb etwa 15 Jahre später, wie die Aufführung vonstatten gegangen ist:
„Man pflegte damals alle Jahre während der Fastenzeit in der Hauptkirche zu Cadiz ein Oratorium aufzuführen, zu dessen verstärkter Wirkung folgende Anstalten nicht wenig beitragen mußten: Die Wände, Fenster und Pfeiler der Kirche waren nämlich mit schwarzem Tuch überzogen, und nur eine in der Mitte hängende Lampe erleuchtete das heilige Dunkel. Zur Mittagsstunde wurden alle Türen geschlossen; jetzt begann die Musik. Nach einem zweckmäßigen Vorspiel bestieg der Bischof die Kanzel, sprach eines der sieben Worte aus und stellte eine Betrachtung darüber an. Der Bischof betrat und verließ zum zweiten, dritten Male usw. die Kanzel, und jedesmal fiel das Orchester nach dem Schluß der Rede wieder ein. Dieser Darstellung mußte meine Komposition angemessen sein."
Haydn wandte einen Kunstgriff an, der im 18. Jahrhundert gang und gäbe war: Bei der Verfassung von Instrumentalmusik stellte man sich einen Text, einen Dialog, ja sogar ein ganzes Drama vor, an dem entlang nun „sprechende" Musik komponiert wurde; die Musik war somit eine „redende" Kunst und hatte dementsprechend ganz konkrete Inhalte. Walter Jens greift durch seine zeitgemäßen Betrachtungen der Worte Jesu diese Tradition auf und führt die „Betrachtungen" Haydns in eine gedankliche Gegenwart.
Die sieben Köpfe der Titelillustration versinnbildlichen die Auseinandersetzung des menschlichen Geistes mit den heren Werten und deren zunehmenden Verfall in der Gegenwart - die Jens, so zumindest erschien es dem Künstler, in seiner zeitgenössischen Interpretation erläutert und in das Bewußtsein des Hörers führen will -


"denn die Schöpfung könnte, wie die Dinge heute stehen,
auch zurückgenommen werden..."

Künstler
Walter Jens

W

alter Jens, 1923 in Hamburg geboren, studierte klassische Philologie und Germanistik, promovierte 1944 in Freiburg und habilitierte sich 1949 in Tübingen. Bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1988 hielt er dort den einzigen deutschen Lehrstuhl für allgemeine Rhetorik inne. Von 1989 bis 1997 war er Präsident der Akademie der Künste in Berlin. Er erhielt die Ehrendoktorwürden der Universitäten Athen, Augsburg, Jena und Stockholm sowie zahlreiche Auszeichnungen für sein mittlerweile 40 Bücher umfassendes Werk. Walter Jens stellte die moderne Verkörperung der so selten gewordenen Spezies des 'poeta doctus' dar: zusätzlich zu seinen Hauptarbeitsfeldern Rhetorik, Theologie und Literatur wagte er immer wieder den Ausflug in wissenschaftliche, politische und essayistische Gebiete. Das hielt ihn aber nicht davon ab, sich selbst lediglich als 'schmale Begabung' zu kennzeichnen. Romane und Dramen, wie zu Beginn seiner Laufbahn, schieb er später nicht mehr; auch 'Momos', der TV-Kritiker der 'Zeit', kommentierte nicht mehr. Im Alter, so Jens, sollte 'man sich dort herumtreiben, wo man wenigstens hoffen kann, vorn zu sein'. Daher konzentrierte sich seine Arbeit dann auf Reden, Essays und imaginäre Dialoge zwischen Geistesgrößen wie Lessing und Heine. Walter Jens starb am 9. Juni 2013 in Tübingen.

Bayerische Kammerphilharmonie

1

990 entstand mit der Bayerischen Kammerphilharmonie ein Ensemble, das sich mit großem Engagement der Interpretation klassischer und zeitgenössischer Musik widmet - weit über das gängige Standardrepertoire hinaus. Seither hat sich das progressive Kammerorchester in der internationalen Musikwelt und an den Bühnen im In- und Ausland etabliert. So wurde es bereits ein Jahr nach seiner Gründung für das Einweihungskonzert des 'Joods Historish Museum' mit Werken jüdischer Komponisten aus Theresienstadt eingeladen. 1992 folgten die Eröffnungskonzerte der restaurierten Kolonialtheater Brasiliens. Die Musiker wurden für das alljährlich in Südfrankreich stattfindende Musikfestival 'L‘été musical dans la vallée du Lot' als 'orchestra in residence' engagiert. In Deutschland gastiert das Ensemble regelmäßig auf hochkarätig besetzten Musikfestivals mit Künstlern wie u.a. Giora Feidman, Wolfgang Meyer, Natalia Gutman und Julia Varady. Zahlreiche CD-Aufnahmen sind hieraus entstanden, viele davon in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk. Im Jahr 1996 erhielt das Ensemble, zwei wichtige europäische Auszeichnungen: Den Förderpreis der europäischen Wirtschaft und den Kulturpreis der europäischen Regionen. Letztendlich wurden diese Anerkennungen im In- und Ausland durch Disziplin, Begeisterungsfähigkeit und Können erspielt. Die Arbeit des Ensembles wird seit vielen Jahren ideell und finanziell von 'Blue de Brasil, feinster chemiefreier Kaffee aus ökologischem Anbau' unterstützt.

Alan Buribayev

A

lan Buribayev, geboren 1979, gehört zu den hochbegabten Dirigenten der neuen Generation. Der Sohn eines Dirigenten und einer Pianistin begann sofort nach seinem Studium am Kasachischen Staatskonservatorium und an der Universität Wien eine erstaunliche Karriere. Neben zahlreichen Preisen konzertierte er mit Orchestern wie den Dresdner Philharmonikern, dem London Philharmonic Orchestra, Orchestre National de Lille und BBC Scottish Symphony. Im Sommer 2003 hat Alan Buribayev mit großem Erfolg an der Opera de Lyon Tschaikowsky's 'Night of the Spades' geleitet. Im gleichen Jahr dirigierte er mehrere Konzerte in Japan mit Gidon Kremer als Solist. Seit der Saison 2004 ist er Generalmusikdirektor am traditionsreichen Staatstheater in Meiningen. Alan Buribayev steht nun schon zum zweiten Mal am Pult der bayerischen Kammerphilharmonie: Nach einem Konzert im Sommer 2002 während des Festivals 'L'été musical dans la vallée du Lot' in Südfrankreich hat sich das Orchester spontan entschlossen ihn für dieses außergewöhnliche Projekt mit Walter Jens zu engagieren.

Reihe & Edition

A

uthentic Classical Concerts zu veröffentlichen, heisst für uns, herausragende Aufführungen und Konzerte für die Nachwelt festzuhalten und zu vermitteln. Denn Künstler, Publikum, Werk und Raum treten in einen intimen Dialog, der in Form und Ausdruck - in seiner Atmosphäre - einmalig und unwiederbringlich ist. Diese Symbiose, die Spannung der Aufführung dem Hörer in all ihren Facetten möglichst intensiv erlebbar zu machen, indem wir die Konzerte direkt in Stereo-Digital aufzeichnen, sehen wir als Ziel, als Philosophie unseres Hauses. Das Ergebnis sind einzigartige Interpretationen von musikalischen und literarischen Werken, schlichtweg - audiophile Momentaufnahmen von bleibendem Wert. Blühende Kultur, dem Publikum vor Ort und nicht zuletzt auch Ihnen zur Freude, sind somit jene Werte, welche wir in unseren Editionen und Reihen dokumentieren.
Die Konzerte im UNESCO Weltkulturerbe Kloster Maulbronn, bieten in vielfacher Hinsicht die idealen Voraussetzungen für unser Bestreben. Es ist wohl vor allem die Atmosphäre in den von romantischem Kerzenlicht erhellten Gewölben, der Zauber des Klosters in seiner unverfälschten sakralen Ausstrahlung und Ruhe, die in ihrer Wirkung auf Künstler und Publikum diese Konzerte prägen. Renommierte Solisten und Ensembles der grossen internationalen Bühnen sind gerne und vor allem immer wieder hier zu Gast - geniessen es in der akustisch und architektonisch vollendeten Schönheit des Weltkulturerbes in exquisiten Aufführungen weltliche und sakrale Werke darzubieten, die wir in unserer Edition Kloster Maulbronn dokumentieren.

Andreas Otto Grimminger & Josef-Stefan Kindler

Texte

Die Texte von Prof. Walter Jens:

V

ater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun

- das erste Wort: Eine Bitte für die anderen. Für die Spötter unterm Kreuz, für die Mörder, die Befehlsempfänger, die Folterknechte, die Schuldigen überall. Der Mann der hier spricht, ein Jude von dreißig Jahren, war gepeinigt, entwürdigt, an Leib und Seele gedemütigt worden: Soldaten hatten ihn ausgepeitscht, nicht nur geprügelt mit Stöcken und Ruten; nein, mit Lederpeitschen hatten sie ihn geschlagen, die Ahnherrn der Boger, Eichmann und Höss, mit Peitschen, in die, wie Ketten, spitze Knochenstücke und Bleiklumpen eingenäht waren; gemartert hatten sie ihn und dem Blutüberströmten ein Wams aus rotem Tuch übergestülpt: in die Faust einen Knüppel gepresst und auf den Kopf einen Strohkranz gesetzt! Ein schäbiger Lumpenkönig sollte er werden; eine blutige Puppe, mit der die Soldaten ihren rohen Spaß treiben konnten: erst geschlagen, mit den Klingen-Peitschen und den Metallkugel-Riemen, dann verhöhnt - „sieht er nicht spaßig aus, der König unserer Gnaden, diese Karikatur eines Herrschers, die man anspucken darf, um ihr die Verachtung zu bezeugen, die Verachtung, die ihr gebührt?"
Alles ins Gegenteil verkehrt, mit diesem Karneval im Zeichen von Folter und Terror: Der Lorbeerkranz - ein Stachelgeflecht, mit Dornen, die fingergroß waren. Der Purpurmantel - ein schmutziges Fähnchen. Das Szepter - ein Prügelstock. Der Fußfall - eine Obszönität. In Jerusalem werden die Spiele der allerheiligsten Inquisition und der Ketzerverfolgung geprobt. Ein Nichts, der „andere", der Preisgegebene, der zur Vernichtung ansteht: „Sei gegrüßt, König der Juden" - und, später, dann die Tafel um den Hals gehängt, auf der, in drei Sprachen (Mörder pflegen pedantisch zu sein), die Schuld des Delinquenten notiert war: griechisch, lateinisch und aramäisch: Jesus aus Nazareth, König der Juden. Und, nach alledem, am Kreuz, unmittelbar vor der Vernichtung, das Gebet für die Mörder. Die Bitte des gefolterten Juden für die Eigenen und für die Fremden. Die Losung der Bergpredigt - „Betet für eure Verfolger!" -, gesprochen in der Stunde des Todes.

A

men, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein

- das zweite Wort: Trost für den Bruder im Leid; Hinwendung, abermals, zum anderen: jetzt aber zum Schmerzgefährten. (Es könnte auch eine Frau sein, ein Mädchen, so wie der hagere Rabbi, Jeschua, ein freundlicher, ein wenig untersetzter Mann gewesen sein könnte.) Waren es Strauchdiebe, politische Gefangene, Aufständische, Sichelmänner: die beiden an Jesu Seite? Zwei von Tausenden auf jeden Fall, die damals, in einem mörderischen Alltagsgeschäft, an den Bäumen aufgehängt wurden, fünfhundert, bald nach Jesu Lebzeit, an einem einzigen Tag: so viele, dass das Holz für die Kreuze auszugehen drohte und die Hinrichtungsorte, diese unzähligen Schädelstätten, von deren Schreien niemand berichtet hat, rar zu werden begannen. Golgotha steht stellvertretend für alle Passionen, damals und heute: so wie das Bild von dem einen, der tröstet, und dem anderen, der in der Sekunde des Todes neue Hoffnung gewinnt, die Zeit überdauert: ein Gedenken an alle, die - ecce homo! - ein Zeichen gaben vorm Brand, vorm Peleton, vorm Gas. Jesus und der Verbrecher: da steht nicht Hoheit gegen Niedrigkeit; da leiden zwei Menschen, nackt (ohne Schamtuch selbst, vielleicht) und blutend am Kreuz; ihre Gewänder, Sandalen, Gürtel und Hemden, werden verteilt und ausgelost; aber noch - nicht lange mehr - können sie sprechen, die beiden: „Amen, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein". Jesu Worte gelten keinem Priester, hohen Beamten, Besatzungsoffizier, sondern einem Menschen, dessen Armut, Qual und Niedrigkeit er teilt. Seltsam zu denken: Der letzte, der Jeschua umarmte und küsste, war Judas Ischarioth; der letzte, mit dem er - außer Gott! - redete, war ein Preisgegebener, dessen Name unbekannt ist. Im Staub also, nicht unter den Himmeln, war Jesus zu Hause: damals, in Jerusalem.

F

rau! Siehe, das ist dein Sohn! Siehe, das ist deine Mutter!

- das dritte Wort: Ansprache an die Getreuen, einen geliebten Schüler, Johannes, und an Maria, die Mutter. Die Schar am Kreuz ist klein; von Jüngern, treuen Gefolgsleuten, entschlossenen Palladinen - keine Rede mehr jetzt. Einer von zwölfen, Johannes (aber auch der hat, in der Stunde der Wahrheit, Jesu Einsamkeit nicht geteilt: auch er ein Schläfer in Gethsemane), Johannes also, dann die Mutter, von der kaum noch die Rede war - Maria, abgetan mitsamt der törichten Familie („Wer ist das, meine Mutter und wer sind meine Brüder?"), und schließlich, die Frauen, Figuren am Rande: auftauchend und schon wieder verschwunden. Doch jetzt, im Tode, kehrt sich auf einmal alles um; da werden die Fernsten zu Nächsten; da sind es Frauen, die standhalten, zu Füßen des Kreuzes und nicht hochgemute Jünger; da gewinnt, im Zeichen des Todes, eine neue Gemeinde Kontur: die Brüder-und-Schwester-Gemeinde unter dem Kreuz, für die Begriffe wie „Mutter" und „Sohn" eine, über Blut und Leib, Herkunft und Sippe weit hinausgehende Bedeutung gewinnen. Familie: das ist von nun an, gespiegelt in Maria und Johannes, der neuen Mutter und dem neuen Sohn, die Gemeinschaft derer, die sich der unterm Kreuz eingesetzten Liebeskommunität verpflichtet weiß - der Kommunität, die familiäre Bindungen (die kleine Hausgemeinschaft, in die man den für wahnsinnig erklärten Jesus zurückholen versuchte) so selbstverständlich außer Kraft setzt, wie jene politische Genossenschaft, die innen nur den Freund und draußen nur den Feind ausmacht. Dagegen gilt von nun an: Frau! Siehe, das ist dein Sohn! Siehe, das ist deine Mutter!

U

nd Jesus schrie laut und sprach: Eli, Eli, Lama, Sabachthani, das ist: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

- das vierte Wort: Ein Schrei - und ein Gebet. Der Gekreuzigte, leidender Gottesknecht und gemarterter Mensch: verfolgt als Gerechter, fällt ein in die Worte jenes zweiundzwanzigsten Psalms, mit dessen Hilfe die Gemeinde Jesu Martyrium beschrieben und gedeutet hat: „Ein Gespött der Menschen bin ich und dem Volk verachtet. Ausgeschüttet wie Wasser bin ich, alle meine Gebeine haben sich zertrennt; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, meine Zunge klebt an meinem Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub; denn Hunde haben mich umgeben, und die Rotte der Bösen hat meine Hände und Füße durchgraben. Ich kann sie zählen: alle meine Gebeine; sie aber schauen und haben ihre Lust an mir, teilen meine Kleider unter sich und werfen das Los um meine Gewänder. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich heule, aber Hilfe ist ferne." Schrei und Gebet; Verzweiflung - und, dennoch, am Ende geborgen zu sein, die Gewissheit, die den Schrei ins Seufzen und das Seufzen in die leise Formel des Gebets verwandelt... für eine Weile jedenfalls denn der letzte, grauenhafteste, Mark und Bein durchdringende Schrei - Jesu am gewissesten verbürgte Äußerung in der Stunde des Todes, der Aufschrei ohne Worte: er steht noch aus.

M

ich dürstet

- das fünfte Wort, das schlichteste: die Bitte um Hilfe. Ein Mann fleht um einen Schluck Wasser. Die Folterung ist vorbei, der Gang nach Golgotha, auf dem er unter der Last des Kreuzes zusammenbrach, auch. Das Kreuz: der Querbalken, an dem die Hände angenagelt worden sind. Angenagelt, bevor man das Holz, mitsamt dem Körper, hoch am Pfahl befestigte: Jesus, auf dem Weg zur Hinrichtungsstätte, wird ihn von weit her erkannt haben, den in die Erde eingerammten Pfahl, mit dem Holzklotz in der Mitte, der dazu diente, den Gekreuzigten möglichst lang bei Bewusstsein zu halten. Der Körper, so die Überlegung der Exekutionsspezialisten: Kenner der Anatomie und des Seelenhaushalts, sollte nicht so rasch zerreißen. Kein Wunder, dass, im Hinblick auf solche Folter, ein Römer kurz vor Jesu Lebzeit erklärte: „Selbst das Wort Kreuz soll fern bleiben nicht nur dem Leibe der römischen Bürger, sondern auch ihren Gedanken, ihrem Auge, ihrem Ohr." Selbst das Wort! Kreuz: das hieß damals so viel, wie heute Vergasung heißt: Erstickung im Ofen. In dieser Lage - mit zernagelten Gliedern, auf dem Sitzblock hockend, vom Erstickungstod bedroht - hat Jesus um einen Schluck Wasser gebeten, hat „Ich habe Durst" gesagt - und erhielt: Essig und Galle - die Verhöhnung, so scheint es, setzte sich fort. Aber gewiss ist das nicht; es könnte nämlich auch sein, dass ein Soldat, ein Bruder des reuigen Mitgekreuzigten Jesu, sich zu einer Geste der Barmherzigkeit verstand: Essig brauchte kein Martergetränk, Essig kann leichter Wein, Erfrischungstrank der kleinen Leute sein. „Ich habe Durst." „Dann trink. Ich halt dir den Schwamm an die Lippen. Die Winzer trinken das auch, und die Schnitter tauchen ihr Brot darein." War‘s so? Anders also als im neunundsechzigsten Psalm: "Und sie geben mir Galle zu essen und Essig zu trinken in meinem großen Durst"? Ich glaube, wie an den frommen Rebellen am Kreuz, auch an den einen Soldaten, der Jesu Barmherzigkeit zeigte.

E

s ist vollbracht

- das sechste Wort: Amen am Ende eines langen Selbstgesprächs. Der Tod ist nah; das Martyrium, die Qual inmitten der Schaulustigen, das Preisgegebensein unter dem Applaus der Gaffenden, die Folterung - beinah überstanden: ein Leidensweg am Ziel, auf den schon die erste Nacht, die Nacht von Bethlehem, verwies, aller leuchtenden, die Himmel durchstrahlenden Friedens-Verheißung zum Trotz. Es ist vollbracht: Das betrifft nicht nur die Geißelung und das Annageln am vorher genau ausgemessenen Holz (ein Baumstück galt mehr als ein Mensch), nein, das Wort gilt in gleicher Weise der Angst, die Jesus bei Dunkelheit auf die Felder hinaustrieb, fern von den Menschen, allein, es gilt dem Vergießen des blutigen Schweißes in der Gethsemane-Nacht; es gilt den Tributen an menschliche Gebrechlichkeit und an die Angst der Kreatur, von der - uns zum Trost! - auch jener Mann nicht frei gewesen ist, der Jude auf dem Gang von Bethlehem nach Golgotha, von dem Martin Luther - einer, der wie kaum ein zweiter Christenmensch gewusst hat, was Angst heißt! - gesagt hat, in seiner Karfreitagspredigt im April 1522: „Ein fein pur lauter Mensch" ist unser Herr Jesus gewesen; „darum hat er auch in des Todes Ängsten so getrauert und gezagt"; denn die Angst ist am größten, wenn „einer sieht, dass der Tod seinen Rachen aufsperret und auf ihn zufallen will" ...und diese Angst und Traurigkeit hat Jesus auch gehabt und viel härter „denn sie etwa einen Menschen versucht hat", doch „das ist ihm vorbehalten, dass er nicht wahnsinnig geworden ist", nein, „seine Vernunft ist ihm lauter, klar und rein blieben". Es ist vollbracht; ich habe Durst: Das sind schlichte, sehr sanfte Worte, die Jesus am Kreuz spricht. Kein triumphaler Appell, sondern menschliche Rede. Worte, die - uns zur Schande - ein millionenfaches Echo fanden - bis zu diesem Tag. Das Echo der leiser werdenden Stimmen von Verhöhnten und Gefolterten.

V

ater, in deine Hände befehle ich meinen Geist

- das letzte Wort, wie das erste, an den Vater gerichtet: nun aber nicht mehr Bitte, Warten, Sich-Einlassen, Hoffen, sondern Abgesang und, in eins damit, Wendung von der Erde zum Himmel, vom Menschen zu Gott, vom Sterbenden zu dem, der über den Tod hinaus Leben verbürgt. Das letzte Wort: für die Gemeinde, damals, ein Satz, der in der Weise des einunddreißigsten Psalms gesprochen sein musste: "Herr, auf dich vertraue ich, lass mich nicht zuschanden werden; ziehe mich heraus aus dem Netz, das sie mir gestellt haben. In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott."Ein Wort der Demut, das letzte - ein Wort aber auch, das zu bedenken heißt: den anderen, mit dem Gekreuzigten leidenden Gott in Auge zu fassen, nicht den Gewaltigen, nicht den Herr-Gott, sondern den, der mit-gekreuzigt wird, den Gott, der in den Todeszellen dabei ist, bis heute, und, da er sich mit-dahingibt statt gelassen als ein Gott der Altäre, zuzuschauen, zum Teilhaber menschlicher Not wird - Mann und Frau zugleich; nicht Vater der Schlachten, sondern Pietà und Schmerzensvater im Himmel - ein ergreifendes Doppel-Bildnis, das auf die Einheit von Ohn-Macht und Erlösung verweist. Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist: Jesus, der Jude, der dies gesagt hat, wusste um die Einheit von Scheitern und Erhöhung, von der Kraft, die sich nicht in der Glorie, sondern in Anfechtung, Angst und Schwäche bewährt. Und dies eben, das Miteinander von Traurigkeit bis an den Tod und „in deine Hände befehle ich meinen Geist", bewegt uns, die Hörer der Passion und verpflichtet die Zeugen: „Jesus", hat Pascal gesagt, „wird bis ans Ende der Welt in Todesqualen sein; wer könnte da schlafen zu solcher Zeit?" - wer, Haydns großes Gewitterfinale in solchem Leidenssturm, der doch zugleich, für uns, ein Hoffnungsbeben ist - vielleicht; denn die Schöpfung könnte, wie die Dinge heute auf der Erde stehen, auch zurückgenommen werden und schon bald.

Werke, Sätze & Titelliste

01. Introduktion
Maestoso ed Adagio

02. Das erste Wort (Walter Jens):
"Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun."

03. Largo

04. Das zweite Wort (Walter Jens):
"Amen, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein."

05. Grave e cantabile

06. Das dritte Wort (Walter Jens):
"Frau! Siehe, das ist dein Sohn! Siehe, das ist deine Mutter!"

07. Grave

08. Das vierte Wort (Walter Jens):
"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

09. Largo

10. Das fünfte Wort (Walter Jens):
"Mich dürstet."

11. Adagio

12. Das sechste Wort (Walter Jens):
"Es ist vollbracht."

13. Lento

14. Das siebte Wort (Walter Jens):
"Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist."

15. Largo

16. Terremoto
Das Erdbeben. Presto con tutta la forza


Aufführungsdatum: 10. Juni 2004

Review

Von apokalyptischer Relevanz
Walter Jens endet so: "denn die Schöpfung könnte, wie die Dinge heute stehen, auch zurückgenommen werden ­ und schon bald" - Haydns Gewitter-Presto erhält in diesem Sinne apokalyptische Relevanz.
Ingo Wackenhut in SCALA

***** Von apokalyptischer Relevanz

ReviewWalter Jens endet so: "denn die Schöpfung könnte, wie die Dinge heute stehen, auch zurückgenommen werden ­ und schon bald" - Haydns Gewitter-Presto erhält in diesem Sinne apokalyptische Relevanz.
Ingo Wackenhut in SCALA

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